Newsletter Dezember 2015

Liebe Mitglieder, Interessentinnen und Interessenten des Vereins «Pro Stadtbibliothek St.Gallen»

 

Eine Hiobsbotschaft gleich vorweg: Der Kantonsrat hat gestern die Streichung der für die Unterstützung der Gemeindebibliotheken vorgesehene Koordinationsstelle beschlossen. Ich denk, dies ist ein Affront gegenüber allen, welche die Bibliotheksinitiative unterstützt haben. 
    Es ist noch nicht lange her, da haben fast elf Tausend Bewohner und Bewohnerinnen aus allen Regionen unseres Kantons die Bibliotheksinitiative unterschrieben und damit ein Zeichen gesetzt, dass Handlungsbedarf besteht.
    Dabei ging es nicht nur darum, in der Stadt St. Gallen eine attraktive Publikumsbibliothek zu ermöglichen. Genau so wichtig war den Initianten und Initiantinnen, dass die Versorgung, und damit die Zugänglichkeit zu Büchern, aber auch anderen Medien, in allen Teilen des Kantons garantiert und ausgebaut wird.
    Die Wichtigkeit einer Bibliotheksförderung wurde von der Regierung in ihrer Botschaft zum Bibliotheksgesetz vom 3. Juli 2012 eindeutig bestätigt. In der Einführung weist die Regierung mit Recht darauf hin, «dass ein zeitgemässes, öffentliches Bibliothekswesen in einer Wissensgesellschaft, in der das lebenslange Lernen und die Informationskompetenz, stetig an Bedeutung gewinnen sowohl bildungs- als auch staatspolitisch wichtig ist». Gleichzeitig stellt die Regierung in ihrer Botschaft aber auch fest, dass die Versorgung im Kanton St. Gallen – trotz stets wachsender Beliebtheit der Bibliotheken – ungenügend ist. Das Begehren der Initianten und Initiantinnen wurde darum im Grundsatz unterstützt. Divergenzen zu den Intentionen des Initiativkomitees sah die Regierung nur bei der Forderung nach direkter finanzieller Unterstützung der Gemeindebibliotheken. 
    Kernpunkte des neu geschaffenen Bibliotheksgesetztes sind darum die Verpflichtung der Gemeinden, eine bilbliothekarische Grundversorgung zu garantieren. Dabei wird explizit auch darauf hingewiesen, dass regionale Lösungen angestrebt werden sollen und auch die Zusammenarbeit mit bestehenden Schulbibliotheken anzustreben sei.
    Die Unterstützung des Kantons soll – an Stelle einer verbindlichen, direkten Finanzierung von Gemeindebibliotheken - durch die Uebernahme von Koordinationsaufgaben und Vermittlung von Know-how für die Gemeinden erfolgen. Bereits in der Botschaft vom Sommer 2012 wurde dafür eine Fachstellen in Aussicht gestellt, für die ca. 80`000 Fr. vorgesehen waren.
    Aufgrund der auf Antrag der Regierung durch den Kantonsrat beschlossenen Gesetzesvorlage wurden zentrale Absichten der Initianten und Initiantinnen erfüllt. Im Vertrauen darauf, dass dem Gesetz auch Taten folgen würden, hat das Initiativkomitee darum vor knapp drei Jahren den Rückzug der Initiative beschlossen.
    Insbesondere die Gemeinden hofften auf den Support durch die vorgesehene Fachstelle, deren Aufgaben in der Bibliotheksverordnung umschrieben wurden. Die Kosten dafür wurden durch die Regierung im Budget-Entwurf für das Jahr 2016 aufgenommen. Tausende stimmberechtigte Wähler und Wählerinnen aus allen Ecken unseres Kantons, welche sich mit ihrer Unterschrift für die Weiterentwicklung der Bibliotheken einsetzten, müssen sich verschaukelt fühlen. Das Nein des Kantonsrates zu dieser von der Regierung beantragten Stelle muss als Akt «gegen Treu und Glauben» interpretiert werden.

 

Am nächsten Montag, 7. Dezember, findet wieder das «Montagslesen» im Café St Gall in der Bibliothek in der Hauptpost statt.

 

In dieser Reihe lesen wechselnde Gäste eine halbe Stunde aus ihren Lieblingsbüchern vor, diesmal der St.Galler Psychotherapeut Theodor Itten. Literatur und Psychologie treffen sich da, wo die Kunst sich mit dem menschlichen Dasein und seinen Krisen auseinandersetzt. Zum Beispiel in den Werken, die Itten ausgewählt hat: Zum einen Friedrich Dürrenmatts «Der Tod des Sokrates», einem Drama um (geistiges) Eigentum, in dem Eifersucht eine wichtige Triebfeder ist. Zum anderen liest Itten einen Auszug aus Christa Wolfs «Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud», den Roman über Wolfs Aufenthalt in Los Angeles 1992, als ihre Vergangenheit als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit ans Licht kam – Siegmund Freud und seine Theorie des Verdrängens grüssen vom fernen Europa.

Theodor Itten ist als Psychologe eher ein Schüler Jungs als Freunds und führt seit vielen Jahren eine eigene therapeutische Praxis in St.Gallen. Er war Präsident des Schweizer Psychotherapeutinnen- und Psycho­therapeuten-Verbands, hält häufig Vorträge an Kongressen und publiziert in Fachzeitschriften. Eines seiner zentralen Themen ist der Jähzorn, zu dem er ein Standardwerk verfasst hat, das auch für Nicht-Psychologen verständlich ist. Im April erscheint sein neues Buch zum «Grössenwahn».

Mit freundlichem Gruss
Christian Crottogini